Uncapped 11: Die Top-Elf der Schweizer Profis ohne Nati-Aufgebot

Es gibt eine ganze Reihe an Schweizer Profis, die (noch) nie für die Schweizer Nationalmannschaft aufgeboten wurden. Bolzplazz erlaubt sich ein Gedankenspiel – und präsentiert die Swiss Uncapped 11.

Wir spielen Nationaltrainer. Und präsentieren unsere Auswahl an Schweizer Profis, die noch nie für die Nati aufgeboten wurden.

Nicht berücksichtigt sind Spieler, die bereits für eine andere Nation aufgeboten wurden oder aktuell Teil einer Schweizer U-Auswahl sind. Das erklärt, warum Spieler wie Haris Tabakovic (Bosnien), Charles Pickel (DR Kongo) oder Aurèle Amenda (U21) fehlen. Wo immer möglich wurde ausserdem versucht, Spieler, die bis zum Sommer Teil der U21 waren, aussenvorzulassen (Males, Vouilloz, Di Giusto, Von Moos…).

Wichtig: Spieler, die in der Vergangenheit bereits aufgeboten wurden, aber ohne Einsatz blieben (z.B. Anto Grgic, Dominik Schmid, Anthony Racioppi) zählen wir ebenfalls nicht dazu. Ziel ist, einzig Spieler aufzuführen, die noch nie Teil eines Nati-Aufgebots waren und vermutlich auch nicht so bald in den Genuss eines solchen kommen werden.

Versucht wurde ausserdem, eine möglichst starke Mannschaft aufzustellen, die hier und heute konkurrenzfähig wäre. Bedeutet, Spieler wie Michael Frey (0 Einsätze in dieser Saison nach Degradierung bei Royal Antwerpen) fehlen ebenfalls.

Vorhang auf für die Top-Elf der Aufgebotslosen:

Yannick Brecher (FC Zürich)

Wenn die Schweiz auf einer Position kein Qualitätsproblem hat, dann zwischen den Pfosten. Andernfalls wäre Yannick Brecher spätestens in der Meistersaison mit dem FC Zürich 2021/22 zum Nationalspieler aufgestiegen. Doch weil die Nati in den letzten Jahren nun mal über den Luxus verfügte, zahlreiche internationale Top-Goalies wie Sommer, Kobel, Omlin, Mvogo, Köhn, Hitz oder Bürki in ihren Reihen zu wissen, geht der reflex- und lautstarke FCZ-Torwart leer aus. Möglich, dass sich das irgendwann einmal noch ändert. Mit Jérémy Frick (Servette) und Anthony Racioppi (YB) berief Yakin in diesem Jahr zwei Super-League-Keeper überraschend in die Nati.

Miro Muheim (Hamburger SV)

Ein Notstand herrscht hingegen hinten links: Hier fehlen der Schweiz hinter Rodriguez und mit Abstrichen Garcia vernünftige Optionen. In den Augen vieler Beobachter (einschliesslich dieser Redaktion) hätte einer schon seit geraumer Zeit eine Chance verdient: Miro Muheim, seit zwei Jahren Stammspieler beim HSV. In der 2. Bundesliga zwar – aber bei einem der grössten und traditionsreichsten Klubs Deutschlands. Zuletzt nahm der frühere Chelsea-Junior einen weiteren Entwicklungsschritt, stieg zum Aushilfscaptain und regelmässigen Scorer auf. Dazu bringt er Dynamik und Offensivdrang mit, hat sich ausserdem defensiv stabilisert. Schwer vorstellbar, dass Muheim Zeit seiner Karriere ohne Länderspiel bleibt.

Gregory Wüthrich (Sturm Graz)

Beim österreichischen Vizemeister und Europa-League-Teilnehmer Sturm Graz ist der Berner Gregory Wüthrich seit 2020 unbestrittener Abwehrchef. Mit Wucht, Zweikampfhärte und solidem Aufbauspiel hat er sich zur vielleicht wichtigsten Personalie in der Hintermannschaft der Grazer entwickelt. In diesem Sommer gewann Wüthrich den österreichischen Pokal und wäre beinahe beim FC Augsburg gelandet – doch ein nicht bestandener Medizintest machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Immer wieder hat es Wüthrich auf Yakins Pikett-Liste geschafft. Für ein richtiges Aufgebot hat es aber (noch) nicht gereicht.

Fabio Daprela (FC Zürich)

In einer Welt ohne Akanji, Schär, Elvedi oder Zesiger hätte er vielleicht, nur vielleicht, im Laufe seiner Karriere einmal die Gelegenheit dazu erhalten, die Schweiz zu repräsentieren. Wenn auch nur in einem einzelnen Testspiel gegen ein Land wie Andorra oder Liechtenstein. Aber Fabio Daprela, dieser grundsolide, beinharte und zweikampfstarke Abwehrspieler, der fast 200 Einsätze in der Super League auf dem Buckel hat, ausserdem auch in der Serie A (Brescia, Palermo, Carpi) und der Premier League (West Ham) gespielt hat, war nie Teil einer ernsthaften Diskussion ums Nationalteam. Das dürfte auch so bleiben. Auch wenn er als Typ dieses eine Länderspiel absolut verdient hätte.

Lucas Blondel (Boca Juniors)

In den vergangenen Monaten hat sich ein bis vor kurzem noch gänzlich unbekannter Name ins Gespräch gebracht: Lucas Blondel, Rechtsverteidiger des argentinischen Topklubs Boca Juniors. Seit diesem Sommer ist er bei Maradonas Heimatverein aus Buenos Aires unter Vertrag, davor spielte er lange in der 2. Liga, u.a. für Tigre. Der Sohn eines früheren Waadtländer Tennis-Spielers und einer Argentinierin hat fast sein gesamtes Leben in Südamerika verbracht, fliegt daher hierzulande unter dem Radar. Wer aber gut genug für Boca ist, immerhin ein Gigant des lateinamerikanischen Fussballs, der sollte auch für die Schweizer Nationalmannschaft zum Thema werden. Mit seinem Profil als schneller, technisch versierter und überaus spielstarker Aussenverteidiger könnte Blondel einen Hauch südamerikanische Fussballkunst in die Defensive der Nati bringen.

Nicky Beloko (FC Luzern)

Er ist nicht weit entfernt von der Schweizer Nationalmannschaft. Nicky Beloko, der beim FC Luzern in den vergangenen zwei Jahren zu einem der besten Mittelfeldspieler der Liga aufgestiegen ist, könnte in Zukunft in der Nati durchaus mal eine Rolle spielen. Vereinzelte Aufrufe auf die Pikett-Liste belegen, dass ihn Yakin kennt und schätzt. Mit Zweikampfhärte, Aggressivität und einer rohen Dynamik arbeitet sich der frühere Sion-Junior durch die gegnerische Mittelfeldzone. Belokos kompromisslose Gangart und die Fähigkeit, mit seiner körperlichen Präsenz für Stabilität zu sorgen, könnten ihn dereinst einmal zum späten Nachfolger von Valon Behrami werden lassen. Umso mehr, sollte er im nächsten Jahr den Schritt ins Ausland vollziehen und sich auch dort etablieren.

Vincent Sierro (Toulouse)

Vincent Sierro hat das Pech, dass die Schweiz über zentrale Mittelfeldspieler des Levels Xhaka, Zakaria, Sow, Freuler oder Rieder verfügt. Andernfalls hätte er spätestens nach seinem Transfer im letzten Winter zu Toulouse wohl eine Chance in der Nationalmannschaft erhalten. Aber: Sierros Fähigkeiten als Regisseur sind aufgrund der starken Konkurrenzsituation nicht gefragt. Und das, obwohl der Walliser seit Beginn dieser Saison gar als Captain des Europa-League-Teilnehmers amtet. Das verdeutlicht den Luxus, den die Schweiz im Zentrum hat.

Maxime Dominguez (Gil Vicente)

Eine der schönsten Geschichten im Schweizer Fussballkosmos schreibt aktuell Maxime Dominguez. Der Genfer galt jahrelang als grosse Zukunftshoffnung, drohte dann aber seine Karriere früh in den Sand zu setzen. Erst ein Wechsel in die 2. Liga Polens und ein Ausbruch aus der Komfortzone halfen ihm, das nächste Level zu erreichen. Seit diesem Sommer ist der technisch versierte, trickreiche und bissige offensive Mittelfeldspieler in Portugal unter Vertrag, wo er nun den Lohn seines unkonventionellen Umwegs erntet. Bei Gil Vicente ist er schnell zum unverzichtbaren Kreativspieler und regelmässigen Scorer aufgestiegen. Mit starken 8 Torbeteiligungen (5 Tore, 3 Vorlagen) aus 11 Partien gehört er zu den erfolgreichsten Spielern der ganzen Liga. Gut möglich, dass Portugal nicht das Ende der Fahnenstange ist. Und damit auch die Nati mal noch zu einem realistischen Ziel wird.

Christian Witzig (FC St. Gallen)

Christian Witzig – kürzlich zum Ostschweizer Fussballer des Jahres gekürt – ist aus der Startelf des FCSG nicht mehr wegzudenken. Und das, obwohl er erst in der letzten Saison den Durchbruch im Profifussball geschafft hat. Witzig ist im offensiven Mittelfeld und auf dem Flügel variabel einsetzbar und bringt ein Profil mit, das man in der Schweiz selten sieht. Seine grösste Stärke ist seine ungeheure Energie und Intensität, er strömt eine gewisse Grinta aus und ist mit seiner Power nur schwer zu verteidigen. Auch technisch hat er einiges auf dem Kasten. Was noch fehlt, ist die letzte Sauberkeit im Strafraum – dann würden nämlich auch die Scorerpunkte deutlich zunehmen. Gut vorstellbar, dass Witzig in Zukunft einmal ins Nationalteam drängen wird. Spieler mit seiner Präsenz und Athletik bieten immer einen Mehrwert.

Dereck Kutesa (Servette FC)

Auch Dereck Kutesa hat einst beim FC St. Gallen gespielt. Dort gelang ihm der Durchbruch. Via Reims und Zulte Waregem kehrte er im letzten Sommer in seine Heimatstadt Genf zurück und hat sich seither bei Servette auf der Aussenbahn zum Unterschiedsspieler entwickelt. Kutesa ist extrem explosiv, mit seinem Speed und seinen Tempodribblings kann er Lücken reissen und mit Einzelaktionen Gefahr erzeugen. Vor einigen Jahren erhielt er ein Aufgebot von Angola, der Heimat seiner Eltern. Aber gespielt für Angola hat er nie – da er seinen Traum von einer Zukunft in der Nati nicht aufgeben wollte. Ob sich dieser mal noch erfüllt? Da müsste vieles zusammenpassen. Aber mehr Dynamik würde der Schweizer Offensive in jedem Fall nicht schaden.

Kwadwo Duah (Ludogorets)

Kwadwo Duah komplettiert den Offensivdreizack aus (ehemaligen) FCSG-Spielern in dieser Uncapped 11. Im März 2022 berief ihn Yakin auf die Pikett-Liste. Zu mehr hat es bis dato aber nicht gereicht. Der Berner mit ghanaischen Wurzeln ist seit diesem Sommer bei Ludogorets unter Vertrag. Der bulgarische Serienmeister machte Duah nach einer starken Saison in der 2. Bundesliga beim FC Nürnberg (11 Tore) mit einer Ablöse von 3 Millionen Euro zum neuen Rekordzugang. Auf jedem Level, auf dem Duah gespielt hat, hat er Tore erzielt. So nun auch für Ludogorets. Nach anfänglichen Verletzungsproblemen ist er mit 7 Scorerpunkten (4 Tore, 3 Vorlagen) in 6 Liga-Partien glänzend unterwegs. Duahs Profil als hochdynamischer, kraftvoller und geradliniger Stürmer mit toller Athletik ist etwas, das die Nati vorne drin nicht hat. Eine Überlegung wert?

Die Bank

Auch auf der Bank tummeln sich einige interessante Spieler:

  • Amir Saipi: Lugano-Schlussmann mit Nati-Potential.
  • Steve Rouiller: Servettes Abwehrchef.
  • Basil Stillhart: Versatiler Defensivspezialist mit viel Erfahrung.
  • Silvan Hefti: Vor nicht allzu langer Zeit hinten rechts ein echter Nati-Kandidat – mittlerweile bei Genoa aber nicht mehr oft gefragt.
  • Isaac Schmidt: Beim FCSG auf der linken Seite zur Stammkraft gereift, viel Spielwitz und Dribbelstärke.
  • Bastien Toma: Lange als Zukunftshoffnung gehandelt, mittlerweile wieder auf dem Weg zur Bestform.
  • Antonio Marchesano: FCZ-Legende im offensiven Mittelfeld, torgefährlich und kreativ.
  • Maren Haile-Selassie: Explosiver, dribbelstarker Flügelspieler mit tollen Leistungen in der MLS.
  • Jérémy Guillemenot: Hat vieles, nach ganz oben hat es bis jetzt aber noch nicht gereicht. Neu bei Servette, dort noch mit Anlaufschwierigkeiten.
  • Filip Stojilkovic: Vereint Geschwinidgkeit mit Durchschlagskraft und Aggressivität. Hochspannendes Stürmerprofil, bei Darmstadt aber noch hinter den Erwartung.

Die Uncapped 11 in der Übersicht:

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