
Die Rahmen-Ära
Einen schlechteren Start in die Saison 2024/25 hätten sich YB-Fans letzten Sommer kaum ausmalen können: Kein Sieg in der Super League bis zum 7. Spieltag in Winterthur, teils deutliche Niederlagen, zahlreiche verletzungsbedingte Ausfälle – und acht Gegentore nach Standardsituationen, ehe Trainer Patrick Rahmen nach 15 Spielen freigestellt wurde.
Die zentrale Frage lautet jedoch nicht: „Wie gut steht YB statistisch bei Standardsituationen da?“, sondern vielmehr: Wo bestehen realistische Verbesserungsmöglichkeiten? Gegentore nach stehenden Bällen gehören zum Spiel – manche sind schlicht nicht zu verhindern. Ein Beispiel dafür ist der Treffer von Barisic im letzten Spiel unter Patrick Rahmen:
Tor von Basel (6.10.2024) pic.twitter.com/Aa7suCyCcx
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Der Basler Verteidiger startet seinen Lauf deutlich tiefer als die Berner Abwehrlinie, die insgesamt gut reagiert. Doch Barisic‘ Timing ist so präzise, dass er mit seinem frühen Antritt und dem dadurch höheren Tempo an den Verteidigern vorbeizieht – genau im richtigen Moment, um Shaqiris perfekte Hereingabe zu verwerten. Kein Offside. Natürlich lässt sich stets über die Höhe der Abwehrlinie diskutieren. Aber: Gegentore fallen auch dann, wenn der Raum vor dem Torwart enger ist. Gerade in solchen Situationen – in denen kein Rückwärtslauf in Richtung eigenes Tor nötig ist – können brandgefährliche Szenen entstehen, etwa wenn ein Ball nicht konsequent geklärt wird.
Das erste Champions-League-Spiel der Saison – das Hinspiel in der Qualifikation gegen Galatasaray – offenbarte hingegen ein Muster, das sich im weiteren Verlauf der Spielzeit wiederholt: individuelle Nachlässigkeiten. Gleich zweimal kam Torreira in gefährliche Abschlusspositionen, nachdem er sich gegen Hadjam durchgesetzt hatte:
Torchance und Tor von Galatasaray (21.08.2024) pic.twitter.com/YIzwnyKBQY
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Im Gegensatz zu Barisic startete der Galatasaray-Spieler beim Freistoss in der ersten Halbzeit seinen Lauf nicht aus der Tiefe, sondern direkt hinter Hadjam. Da der Algerier keinen Körperkontakt sucht, merkt er im entscheidenden Moment nicht, dass Torreira um ihn herumläuft. Der Uruguayer kommt unbedrängt zum Kopfball.
Ein ähnliches Duell ereignete sich beim Eckball, der zum 2:1 für Galatasaray führte: Diesmal steht Hadjam tiefer positioniert, aber nicht nah genug, um seinen Gegenspieler körperlich zu stoppen. So kann Torreira erneut den Raum am ersten Pfosten angreifen – durchaus erwartbar, denn mit seiner Körpergrösse von 1,66 Metern zieht es ihn selten ins Zentrum des Strafraums. Aus seiner ursprünglichen Körperhaltung kann Hadjam den Laufweg nur verspätet verfolgen. Am zweiten Pfosten kommt es fast zur identischen Szene: Niasse verliert Batshuayi aus den Augen – der Belgier trifft unbedrängt.
Sollte man also grundsätzlich zumindest leicht seitlich stehen, um den tornahen Raum im richtigen Moment reaktiv verteidigen zu können? Natürlich gibt es auch den Ansatz, Gegenspieler möglichst lange in ihrer Ausgangsposition zu blockieren – besonders sinnvoll im Zentrum des Strafraums. Doch selbst das genügt nicht immer: Zu Saisonbeginn etwa reichte ein Armkontakt gegen Zürichs Nikola Katic nicht aus, um Schlimmeres zu verhindern:
Tor und Torchance von Zürich (4.08.2024) pic.twitter.com/pfXtYU6oGk
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Im American Football heisst es: „Low man wins“ – wer in körperbetonten Duellen die tiefere Position einnimmt, hat meist die besseren Karten. Der Grund liegt in der grösseren Stabilität durch leicht gebeugte Knie und eine breite Beinstellung. Auch im Fussball, besonders bei der Verteidigung von Eckbällen, könnte man sich davon inspirieren lassen: Allzu oft ist ein Verteidiger zwar nah am Gegner und setzt die Arme ein, steht aber zu aufrecht, um die Attacke wirksam abzufangen. Gegen einen 90 Kilo schweren Spieler wie Katic reicht das schlicht nicht – da braucht es mehr als nur Nähe, um eine reale Chance im Zweikampf zu haben.
Solche physisch starken Gegner lassen sich nur schwer über längere Zeit kontrollieren – oft entziehen sie sich gezielt der Richtung des Schubsens. Gerade in diesen Zweikämpfen sind jedoch jede kleine Störung und jeder gewonnene Moment entscheidend. Andernfalls gilt immer wieder die Faustregel: Wer sich als Erster anlehnt und stösst, gewinnt.
In der Champions-League-Gruppenphase wurden Rahmens Männer bei Eckbällen erneut bestraft – diesmal von Barcelona und Aston Villa. Die Szenen weckten unweigerlich Erinnerungen an die bereits bekannten Schwächen aus den Spielen gegen Galatasaray und den FCZ:
Tore aus C1-Spielen (1.10.2024 und 17.09.2024) pic.twitter.com/oyMg9MuZYS
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Gegen Barcelona zeigte sich erneut Nachlässigkeit in der Zuordnung, während Aston Villa beim Treffer von Tielemans mit cleverem Schubsen in der Spielertraube am zweiten Pfosten Raum schaffte. Dieses Tor war bislang das einzige Standardgegentor der Saison, das man als echtes „Tor von der Taktiktafel“ bezeichnen kann. Weitere Champions-League-Spiele wird Patrick Rahmen auf der YB-Bank nicht mehr erleben – er wurde durch Joël Magnin ersetzt.
Licht am Ende des Tunnels?
Nach der Ankunft von Joël Magnin verbesserten sich die Resultate: YB holte im Schnitt 1,43 Punkte pro Spiel – unter Rahmen waren es 1,20. Auch die Gegentore nach Standardsituationen gingen zurück: sechs in 14 Spielen. Doch das wohl bitterste Standard-Gegentor der Saison fiel dennoch in dieser Phase – ein schmerzhafter Beleg dafür, dass einzelne Spieler noch immer nicht bereit sind, sobald der Ball wieder im Spiel ist:
Tore von Luzern (19.10.2024) und Lausanne (31.08.2024) pic.twitter.com/XfqY5Sw0hG
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Beim Gegentreffer gegen Luzern passten sich die Berner kaum an die gegnerische Positionierung an. Die Raumdeckung vor dem Torwart markierte zwar dessen Interventionsradius und sicherte den Schlüsselraum am ersten Pfosten – doch die Balance stimmte nicht: denn nur ein Innerschweizer befand sich im Fünfmeterraum, während drei Luzerner am Strafraumeck völlig unbewacht nebeneinander standen. Einer von ihnen war Luca Jaquez, der die Flanke unbedrängt ins Netz köpfen konnte.
Eine ähnliche Endsituation mit einem völlig freistehenden Zielspieler im Strafraum hatte es bereits in der Ära Rahmen gegen Lausanne gegeben. Damals war es individuelle Passivität von Niasse, die es Karim Sow so leicht machte. Doch nicht immer lässt sich ein Standardgegentor eindeutig zuordnen – oft ist es eine Mischung aus mangelnder Organisation und persönlicher Unachtsamkeit. So etwa im Herbst bei den indirekten Freistössen gegen Sion und Basel:
Tore von Sion (7.12.2024) und Basel (30.10.2024) pic.twitter.com/N8irvduSRY
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Wie einst bei Torreira und Hadjam befand sich auch Joël Schmied zu Beginn der Szene im Rücken von Joël Monteiro und vor Lewin Blum. Selbst ohne den weiter aussen positionierten Sittener mitzudenken, ergibt sich eine klare Zuteilungsproblematik: Nur Monteiro wäre in der Lage, Schmied zu verteidigen – Blum steht nicht zwischen Schmied und dem eigenen Tor. Als ballferner Spieler hatte Blum die Szene allerdings im Blick und hätte Monteiro instruieren können, näher am Mann zu stehen. Gerade weil Flanken häufig zu direkten Abschlüssen führen, sollten Raumdecker grundsätzlich mannorientiert denken, sobald sich ein Gegenspieler in ihrem Bereich bewegt.
Auch beim Gegentor in Basel hätte eine bessere Ausgangsposition von Monteiro den Abschluss zumindest erschweren können – auch wenn dieser Treffer schwerer zu verteidigen war. Dominik Schmid startete seinen Lauf aus der Tiefe, lief clever und im richtigen Moment entlang der Abwehrlinie. Benito schien die entstehende Unterzahl kurz vor der Ausführung zu erkennen – seine Kommunikation blieb jedoch ohne Reaktion. Die Anpassung war in diesem Fall zweifellos anspruchsvoller, da Basel den Standard schnell und gut getimt ausführte.
Im Nachhinein – und mit dem Überblick von oben – wirken Laufwege und Zuordnungen oft einfacher zu beurteilen, als sie es in Echtzeit auf dem Feld sind. Und retrospektiv betrachtet man tendenziell vor allem jene Szenen, die nicht wie gewünscht gelaufen sind. Dabei spricht die Gesamtdatenlage nicht gegen YB: Über die gesamte Saison hinweg liessen die Berner verhältnismässig weniger Abschlüsse nach Eckbällen und Freistössen zu als neun der zwölf Ligakonkurrenten. In Sachen zugelassener Expected Goals aus Standards rangierten sie ligaweit ebenfalls auf Platz drei. Datenanbieter wie Wyscout und Opta veröffentlichten leider keine detaillierte Aufschlüsselung dieser Werte nach Trainerperioden. Doch es gibt Anzeichen für eine Trendwende zur Winterpause – nicht nur wegen der danach erreichten 1,71 Punkte pro Spiel.
Contini mit der besten Bilanz
Die gleiche Anzahl Gegentore nach Standardsituationen wie unter Magnin (6) kassierte der BSC YB auch unter Giorgio Contini – allerdings in zehn Spielen mehr (24 statt 14).
Sollten Fans von dieser statistischen Verbesserung überrascht sein, steckt dahinter möglicherweise ein sogenannter Bias – konkret: die Clustering-Illusion. Diese kognitive Verzerrung beschreibt die menschliche Tendenz, in zufällig auftretenden Ereignissen Muster zu erkennen. Das tritt vor allem dann auf, wenn Vorfälle nicht gleichmässig über die Zeit verteilt sind, sondern gehäuft auftreten – wie bei YBs Standardgegentoren: Drei fielen in Barcelona, zwei bei der Niederlage in Sion, und erneut zwei im Mai gegen Lausanne-Sport. Erst nach diesem letzten Spiel wurde Trainer Contini bei SRF erstmals konkret gefragt, ob es ein Standardproblem gebe – dabei waren solche Gegentore in der zweiten Saisonhälfte deutlich seltener geworden.
Natürlich liesse sich die verbesserte Bilanz unter Contini relativieren: weniger Champions-League-Spiele, weniger Gegner auf Topniveau. Doch angesichts der geringen Anzahl geht es primär darum, die einzelnen Tore einzuordnen – und bei den beiden Treffern von Lausanne-Sport lässt sich aus analytischer Sicht wenig vorwerfen (siehe Video). Tore dürfen passieren:
Tore von Lausanne (3.05.2025) pic.twitter.com/ZxsY4iKYhC
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Andere Gegentore zeigten jedoch, dass individuelle Nachlässigkeiten – etwa wie von Hadjam – noch längst nicht der Vergangenheit angehören:
Tore von Zürich (27.02.2025) und Luzern (13.04.2025), Torchance von Zürich (21.04.2025) pic.twitter.com/Szujt9RJNo
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Keine Gegnerorientierung im eigenen Raum, kein Körperkontakt, um zu spüren, was hinter dem Rücken passiert – es ist ein wiederkehrendes Muster. Und eines, das kaum überrascht: In der fussballerischen Ausbildung wird Standardsituationen oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl sie ideale Gelegenheiten bieten, um Zweikampfverhalten und gute defensive Gewohnheiten zu schulen.
Bei Spielern wie Athekame und Hadjam reicht dieses Muster zudem über Standardsituationen hinaus:
Open Play : Tore von Luzern (13.04.2025 und 15.05.2025), Tor von GC (2.03.2025) pic.twitter.com/PwyIYdTZzy
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Auch wenn eine gewisse Passivität bei jungen, offensiv ausgerichteten Aussenverteidigern erwartbar ist, bleibt es dennoch ernüchternd, dass auch nach einem Gegentor durch den direkten Gegenspieler nicht besser aufgepasst wird. Genau an dieser Stellschraube könnte Continis Staff vor der neuen Saison nochmals gezielt ansetzen – zumal der ehemalige Nati-Assistenztrainer öffentlich bereits „zusätzliche Präsenz“ eingefordert hat. Und die würde nicht nur bei Standardsituationen den Unterschied machen.
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