
Beitrag von Maxime Schär – Futbol Therapist: Im vergangenen November feierte der glanzvolle FC Barcelona sein 125-jähriges Bestehen – und das verdankt der katalanische Traditionsverein einem Schweizer: dem Gründer Hans Gamper. Hier seine Geschichte – oder wie aus Hans „Joan“ wurde.
Hans Gamper wurde 1877 in Winterthur geboren, wuchs jedoch in Zürich auf, wohin seine Eltern zogen, als er zwei Jahre alt war. Viel Zeit mit ihnen konnte er in seiner Kindheit nicht verbringen – seine Mutter starb früh, der Vater war beruflich stark eingespannt. Zum Glück lebte der junge Hans in einer Stadt, die nicht nur als Handelsplatz florierte, sondern auch als aufstrebende Sportmetropole galt. Beides ging Hand in Hand: Kaufleute begeisterten sich für sportliche Betätigung, die sie als wahre Lebensschule betrachteten.
Auch wenn in jener Zeit in der Schweiz der Gedanke des Fair Play stärker im Vordergrund stand als der sportliche Wettbewerb, galt Hans als einer der besten Athleten der Stadt. Er beschränkte sich nicht auf den Fussball, sondern verkörperte den damals gefeierten Typus des „Sportsman“: Er betätigte sich auch im Radfahren, Rugby, in der Leichtathletik und im Golf.

Die damalige Kultur der Polysportivität hilft, die frühe Geschichte der Schweizer Fussballvereine besser zu verstehen: So nannte etwa der BSC Young Boys als Vereinszweck „die Kräftigung des Körpers“ durch sportliche Disziplin. Tatsächlich bot die grosse Mehrheit der heutigen Super-League-Klubs ihren Mitgliedern ursprünglich mehrere Sportarten an. Einer von ihnen ist der FC Zürich – mitgegründet von niemand Geringerem als dem damals erst 18-jährigen Hans Gamper.
Obwohl der „Sportsman“ in der vom britischen Einfluss geprägten Disziplin seine Lieblingssportart gefunden hatte, verliess Hans Gamper 1898 aus beruflichen Gründen die Schweiz. Ihm war eine vielversprechende Stelle in Fernando Poo – einer damaligen spanischen Kolonie in Afrika – angeboten worden.
Da Hans zunächst die Sprache lernen musste, wählte er Barcelona als ideale Zwischenstation – nicht zuletzt, weil sein Onkel dort lebte und ihn für ein Jahr bei sich aufnahm. Der Wunsch, nach Afrika weiterzureisen, verblasste zwar mit der Zeit, aber nicht sofort: Zwar verliebte sich Hans rasch in die wirtschaftliche Dynamik und das milde Klima Barcelonas, doch der Sport hatte in der katalanischen Hauptstadt einen schweren Stand – Fussball spielte damals praktisch niemand.
Einige Monate nach seiner Ankunft veröffentlichte Hans daher folgende Anzeige in der Zeitschrift Los Deportes:
Männer, die daran interessiert sind, der Fussballverein von Herrn Gamper und Wild (ein Freund von Hans) beizutreten, sind in unserem Büro willkommen, damit sie lernen können, worum es bei dieser neuen Organisation geht
19. November 1899 (gekürzt)
Zehn Tage später wurde der FC Barcelona offiziell gegründet – kurz darauf fand bereits das erste Spiel statt.

Erst nach dem ersten Spiel wurden „Blau“ und „Grana“ als Vereinsfarben gewählt – warum genau, ist bis heute nicht abschliessend geklärt. Die wahrscheinlichste Theorie besagt, dass das Trikot der Rugbymannschaft einer britischen Universität, an der einige der Mitspieler zuvor studiert hatten, als Vorlage diente.
Die erste Barça-Mannschaft war bemerkenswert international – ein echter Schmelztiegel, der jedoch 1908 beinahe zur Auflösung des Vereins führte. Damals kam es zu grossen Spannungen zwischen protestantischen und katholischen Spielern. Hans Gamper, selbst Protestant und mit einer katholischen Frau verheiratet, konnte die Eskalation verhindern. Sein Angebot war klar: «Gebt mir die Präsidentschaft, und ich rette den Verein!», sagte der Schweizer.
Einmal zum Präsidenten gewählt, führte „Joan“ Gamper den FC Barcelona in eine Phase unaufhaltsamen Wachstums – und das auf mehreren Ebenen: Neue Sportsektionen wie Leichtathletik, Hockey und Rugby wurden gegründet, während das Fussballteam in der neu geschaffenen katalanischen Meisterschaft sowie im spanischen Pokal grosse Erfolge feierte. Das frisch eröffnete Stadion an der Carrer Indústria platzte bald aus allen Nähten – Zuschauer mussten auf den Mauern Platz nehmen. 1922 folgte der Bau des Stadions „Les Corts“, dessen Kosten Gamper zur Hälfte aus eigener Tasche finanzierte.

Mit einer Kapazität von 20’000 Plätzen markierte das neue Stadion einen weiteren Schritt in die Professionalität. Dennoch vermisste Hans jene frühen Zeiten, in denen Fussball vor allem ein Spiel mit Freunden war. Für regelmässige Einsätze auf dem Platz blieb ihm inzwischen kaum noch Zeit – die Vereinsführung nahm ihn voll in Anspruch. Auch wenn er nicht jedes Jahr wiedergewählt wurde, blieb er die prägende Figur im Vorstand.
Seine enge Verbundenheit mit dem FC Barcelona und der Stadt brachte Hans Gamper den Ruf eines „Katalanisten“ ein. Das dürfte auch erklären, warum er nach einem Vorfall im Jahr 1925 ins Visier der spanischen Behörden geriet: Vor einem Freundschaftsspiel gegen ein Team britischer Auswanderer wurden im Stadion beide Nationalhymnen gespielt – die spanische wurde dabei ausgebuht. Obwohl Gamper keine Schuld nachgewiesen werden konnte, wurde er beschuldigt, die Aktion orchestriert zu haben. Die Konsequenz: Er wurde des Landes verwiesen, der Verein musste seine Aktivitäten für sechs Monate ruhen lassen.
Zurück in der Schweiz, lebte Hans Gamper mit seiner Familie im Exil – doch heimlich reiste er in den folgenden vier Jahren immer wieder nach Barcelona, um seine Freunde zu besuchen. 1929 kehrte er schliesslich ganz zurück, auch wenn er nie wieder eine offizielle Rolle im Klub übernehmen sollte. Der Börsencrash im gleichen Jahr stürzte Hans Gamper jedoch in eine tiefe Depression. Ein Jahr später nahm sich der Geschäftsmann das Leben. Zahlreiche Barça-Fans erwiesen ihm bei seiner Beerdigung die letzte Ehre.
Selbst 24 Jahre nach seinem Tod war Joan Gamper in den Köpfen der Barça-Fans präsent – so sehr, dass es Gerüchte gab, das neue Stadion könnte seinen Namen tragen. Doch noch bevor es zu einer Abstimmung kam, untersagte der Sportbeauftragte des spanischen Diktators Franco diese Möglichkeit. Der Name eines zum Symbol des katalanischen Selbstverständnisses gewordenen Schweizers war unter dem Regime nicht erwünscht. Deshalb heisst das Stadion bis heute schlicht (Spotify) „Camp Nou“ – wörtlich: „neues Stadion“.

Auch wenn Hans Gampers Nachkommen weiterhin hoffen, dass das Stadion eines Tages seinen Namen tragen wird, hat der FC Barcelona ihm längst auf andere Weise Ehre erwiesen: Das vereinseigene Trainingszentrum ist nach ihm benannt, ebenso das letzte Freundschaftsspiel vor Saisonbeginn – inklusive Siegerpokal („Trofeu Joan Gamper“). Inzwischen umfasst der Klub mehr als elf Sportsektionen und bleibt damit ganz im Sinne seines Gründers: ein Spiegelbild dessen, was Joan Gamper verkörperte – ein Zürcher „Sportsman“. Und zugleich eine Erinnerung daran, was die ersten Schweizer Fussballvereine einst auszeichnete.
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